Auf dem 85 Jahre alten Pianoforte a mezza coda, das im Berliner Haus von Anne und Moritz von Oswald steht, hat Carlo Heller, 1998 in Amsterdam geboren, in Köln groß geworden und seit neun Jahren wohnhaft in Berlin, kürzlich seine erste Schallplatte aufgenommen. Sie trägt den betont sachlichen Titel »Recorded« und umfasst neun kurze Stücke.
Diese sind von der ersten bis zur letzten Komposition hermetische Meditationen über einen Seinszustand, der sich zwischen Wachheit und Schlaf bewegt, das sogenannte hypnagogische Moment, für den es in der italienischen Sprache die wunderschöne Umschreibung „sognare ad ochi aperti“ gibt – Träumen mit offenen Augen. Der hypnagogische Zustand beschreibt die letzten Momente des Bewusstseins, bevor der Mensch von der Wachheit in den Schlaf übergeht, und in denen er sich Melodien, Klänge und Kompositionen vorstellen, mitunter auch steuern kann. An dem Versuch, diese geträumten Werke zu fassen zu bekommen, kann man scheitern, es bedarf einer gewissen Vorstellungskraft, diese im Wegdämmern geträumten oder gedachten musikalischen Strukturen beim Aufwachen zu rekonstruieren, ihnen eben genau jene Gestalt zu geben, die zuvor geträumt worden war.
Auch deshalb besteht Carlo Heller darauf, dass es sich bei den neun Kompositionen, deren zentraler, die A- und die B-Seite gewissermaßen verbindender Track den Titel »Halbtraum« (ist es ein Zufall, dass sich Halbtraum auf Albtraum reimt?) trägt, um Improvisationen handelt. Die anderen Stücke tragen klandestinere Titel, als hätte er sich mit »Halbtraum« fast schon zu weit aus der Deckung gewagt: »A Few Things«, »Fewer Things«, oder »Unmentioned«. Nur wer oberflächlich hört, mag in dieser Behauptung zunächst einen Widerspruch vermuten, zu gezügelt, zu hermetisch, zu kohäsiv wirkt die Musik, als dass es sich um Improvisationen handeln könnte. Hört man hingegen genau hin, dann erkennt man in ihnen genau dies: Sie sind freie Improvisationen über zuvor ganz konkret Geträumtes, aber eben auch Entglittenes. In diesem Sinne sind diese ersten aufgenommenen und veröffentlichten Stücke Carlo Hellers im besten Sinne des Wortes neun Versuche, nokturne Klarheit im Wachzustand zu fassen zu bekommen – in der Improvisation, bei voller Konzentration und Fokussiertheit.
Max Dax